René Wienholtz im Interview
Betrieblicher Ausbildung sollte ein höherer Stellenwert beigemessen werden
Berlin. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt wandelt sich- zum ersten Mal seit Jahren gab es 2008 mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Dennoch konnten nicht alle Plätze zu Beginn des Ausbildungsjahres an einen Schulabgänger vermittelt werden. René Wienholtz, CTO der STRATO AG, sprach mit Berlin.Business-on.de über die Gründe dieser Situation und Strategien Jugendlichen eine qualitativ hochwertige Ausbildung anzubieten.
Berlin.Business-on.de: Herr Wienholtz ,die Wirtschaft steht vor einem Paradigmenwechsel- vor einigen Jahren klagten die Schulabgänger über fehlende Ausbildungsplätze,nun klagen die Unternehmen zu Beginn des Ausbildungsjahres über fehlende Auszubildende. Zum einen sinkt die Zahl der Schulabgänger, zum anderen wird den Schulabgängern oft mangelndes Wissen vorgeworfen. Die Grundfertigkeiten in Mathematik und Deutsch werden teilweise als verheerend bezeichnet. Wie schlimm ist die Situation aus Ihrer Sicht?
René Wienholtz: Wir, die STRATO AG, können uns zum Glück nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Das mag zum einen daran liegen, dass wir ein gut gehendes IT-Unternehmen sind, bei dem die Azubis hervorragende Zukunftsperspektiven haben. Das mag aber auch daran liegen, dass wir sie nicht alleine nach Noten auswählen und während der Ausbildung gezielt fördern. Uns ist sehr wichtig, dass unsere angehenden Auszubildenden Begeisterung für ihren Beruf mitbringen. Wer zum Beispiel Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung werden möchte, sollte Spaß am Programmieren haben und anderen Menschen gerne beraten. Wenn ein junger Mensch erstmal freiwillig und mit Freude bei der Ausbildung ist, nimmt er auch andere weniger geliebte Dinge in Kauf, zum Beispiel den Deutschunterricht an der Berufsschule.
Wie schlimm ist die Situation also? Eigentlich gar nicht. Der demographische Wandel lässt sich nicht leugnen, aber warum machen wir nicht einfach das Beste daraus? Er birgt doch auch jede Menge Chancen in sich, zum Beispiel eine stärkere individuelle Förderung und die Integration bis dato als schwierig abgestempelter Jugendlicher.
Berlin.Business-on.de: Muss bildungspolitisch etwas in Deutschland getan werden, um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern?
René Wienholtz: Mit dem dualen Ausbildungssystem nimmt Deutschland eine weltweite Vorreiterrolle ein, wie ich finde. Da scheinen wir doch bildungspolitisch einiges richtig zu machen. Begrüßenswert wäre es, wenn viele Schulen sich der Wirtschaft gegenüber stärker öffneten, ihren Schülern einen stärkeren Einblick in das spätere Arbeitsleben gewährten und dahingehend wichtige Fähigkeiten vermittelten. Wir haben das Gefühl, dass viele Schüler gar nicht wissen, welche beruflichen Möglichkeiten ihnen offenstehen. Diese Schüler beginnen dann zum Beispiel ,aus Verlegenheit oder weil sie es nicht besser wissen, ein Studium und brechen nach kurzer Zeit ab, weil sie merken, dass sie viel lieber praxisorientiert arbeiten möchten. Wir würden uns wünschen, dass der betrieblichen Ausbildung ein höherer Stellenwert beigemessen wird. Ob das bildungspolitische Aufgabe sein soll? Ich weiß es nicht. Was aber auf jeden Fall bildungspolitische Aufgabe sein sollte, ist eine verstärkte frühkindliche Bildung. Die könnte sicherlich dazu beitragen, zukünftige Defizite zu vermeiden.
Berlin.Business-on.de: Werden Unternehmen in Zukunft um die besten Bewerber für Ausbildungsplätze des eigenen Unternehmens kämpfen müssen?
René Wienholtz: Kämpfen ist ein übertriebener Ausdruck. In Zukunft wird es aber sicherlich noch wichtiger, potentielle Auszubildende gezielter anzusprechen und ihnen ein gutes Ausbildungsangebot zu machen. Der oder die beste Auszubildende ist doch für jeden Betrieb ein(e) andere(r). Insofern sollten sich die Unternehmen klar machen, wen sie eigentlich suchen und genau diese Personen gezielt ansprechen. Wir wollen schließlich nicht die eierlegende Wollmilchsau einstellen, sondern einen motivierten jungen Menschen, der Morgen für Morgen gerne zur Arbeit kommt und seine Sache gut macht. Und da hat ein IT Dienstleister wie STRATO wahrscheinlich andere Anforderungen als zum Beispiel ein Bäckereibetrieb, sollte also auch andere Menschen ansprechen.
Berlin.Business-on.de: Nach dem Preis als „Bester Ausbildungsbetrieb Berlins“ 2006 wurde die Strato AG gerade mit dem 3.Preis beim "Ausbildungs-Ass" der Wirtschaftsjunioren ausgezeichnet. Ein Beleg für die Qualität der Ausbildung in ihrem Unternehmen. Wie schaffen Sie diese Bedingungen?
René Wienholtz: Bei STRATO bilden wir für den eigenen Personalbedarf aus, d.h. bisher wurden alle Azubis, die wollten, in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. Da ist es nur selbstverständlich, dass wir die Auszubildenden persönlich betreuen und in den Betrieb integrieren. Dazu gehört unter anderem, dass sie in jeder Fachabteilung einen persönlichen Mentor haben, von Anfang an an eigenen Projekten arbeiten, am Leistungsprämienmodell teilnehmen, und noch vieles mehr. Besonders stolz sind wir darauf, dass die Azubis neuerdings auch ein zweimonatiges Auslandspraktikum absolvieren können.
Berlin.Business-on.de: Was wünschen Sie sich von einem Bewerber, der eine Ausbildung bei der Strato AG beginnen will?
René Wienholtz: Vor allem wünsche ich mir Neugier und Begeisterungsfähigkeit und natürlich ein Grundmaß an Umgangsformen und schulischer Bildung, insbesondere in den ausbildungsrelevanten Fächern. Hat die angehende IT-Systemkauffrau eine eigene Homepage? Grüßt der potentielle Bürokaufmann seine zukünftigen Kollegen am Empfang? Ich möchte sehen, dass der Bewerber gut ins Unternehmen passt und Spaß an der Arbeit hat, zumindest meistens. Wenn dies gegeben ist, kann ich auch über die 5 in Französisch hinwegsehen.
(Alexandra Koch)
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