Dagmar Terbeznik/ Coaching
Stress – ein Problem der Wirtschaft
Berlin. Der Fall Robert Enke hat viele von uns sehr erschüttert. Ein kranker Held, der unter anderem Angst hatte seinen geliebten Job zu verlieren, wenn er seine Schwächen zeigt. Eine Angst, die nicht nur im Leistungssport anzutreffen ist. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten und in einer Gesellschaft, die Leistung als einen der höchsten Werte lobt, fällt es vielen Menschen schwer, ihren Bedürfnissen Raum zu geben und sie nicht den Standards einer „immer mehr - immer besser“-Wirtschaftswelt unterzuordnen. Hier geht es nicht um Stress im Fußballtor, sondern um Stress am Arbeitsplatz.

Dagmar Terbeznik ist Coach und Beraterin für Unternehmen, Fach- und Führungskräfte, Teams und Einzelpersonen.
Ihre Themenschwerpunkte sind Familienfreundlichkeit, Vereinbarkeit, Stressbewältigung sowie Veränderungsprozesse.
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Es gibt nur wenige, die es schaffen ihre persönlichen Leistungsgrenzen zu zeigen und dennoch einen erfolgreichen und dazu noch öffentlichen Weg fortsetzen. Ein gutes Beispiel ist Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Er trat aufgrund eines Hörsturzes als SPD-Chef zurück und ist weiterhin als Ministerpräsident in Brandenburg aktiv. Leider gibt es von diesen Beispielen nur sehr wenige.
Warum fällt es uns so schwer zu sagen, wenn es uns zu viel wird? Nein zu sagen, wenn aufgrund einer neuen Umstrukturierung noch mehr Aufgaben an einer Stelle gebündelt werden? Oder auch, dass wir uns mit der gestellten Aufgabe untefordet fühlen, dass wir unsere Potenziale nicht voll einbringen können und darüber frustiert sind? Pünktlich Feierabend zu machen, egal, ob die Kollegen noch länger im Büro sitzen? Handy, Blackberry und Laptop auch mal auszuschalten und nicht permanent verfügbar zu sein?
Es ist die Sorge nicht befördert zu werden! Es ist das Gefühl, Schwäche zu zeigen! Als Versager dazustehen! Überhaupt aufzufallen, nicht einfach gut zu funktionieren. Am Ende steht die Angst seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Und wer weiß, ob man dann überhaupt wieder einen findet. Arbeitslosigkeit, Harz IV und wenn es ganz hart kommt, sehen wir uns unter der Brücke enden. Diese Gedanken machen uns hilflos und ohnmächtig. Wir können uns nicht wehren, denn der Preis dafür wäre zu hoch.
Also: Augen zu und durch!
Zunächst sind Menschen in solchen Situationen gestresst. Nicht krank.
Stress ist nicht zwingend etwas Negatives und Belastendes. Stress ist ein Reaktionsprogramm in uns, das uns zu Höchstleistungen auflaufen und mit neuen Herausforderungen fertig werden lässt. Es darf aber kein Dauerzustand werden. Der Körper benötigt nach Belastungs-Hochphasen ausreichend Zeit zur Erholung. Wenn dies nicht gewährleistet ist, kann es dazu führen, dass das Körperprogramm „Stress" auch dann abläuft, wenn es gar nicht nötig ist. Diese Daueranspannung wirkt sich sowohl auf die Psyche als auch auf den Körper aus. Sie begünstigt leichte, aber durchaus auch schwere Krankheiten, wie unter anderem Depressionen, Burn-Out und Herzinfarkte. Der Übergang von positivem Ansporn zur negativen Dauerbelastung ist fließend und nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.
Stress kann uns zu Höhenflügen befähigen, aber auch krank machen
Stressbewältigung ist ein sehr individeller Prozess, denn jeder Mensch erlebt eine andere Art von Stress. Je nach mentaler Konstitution erleben die einen eine Situtation als angespannt, andere als etwas oder sogar extrem stressig. Nun könnten Arbeitgeber meinen, dass dies mit Ihnen nichts zu tun hat, wenn es doch so eine individuelle und persönliche Thematik ist. Das ist ein großer Irrtum.
Ein Unternehmen, das den Zusammenhang zwischen Betriebsklima und extremen Stresssituationen für die Beschäftigten nicht erkannt hat, ist die France Telecom. Innerhalb von 18 Monaten brachten sich 24 Angestellte von France Télécom um, weil sie den Joballtag nicht mehr aushielten.
Das ist ein extremes und außergewöhnliches Beispiel, aber auch die deutsche Wirtschaft zahlt einen hohen Preis für stressbedingte Krankheiten. Die Fehlzeiten von Mitarbeitern aufgrund psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren. Seit 1995 haben sich die Ausfallzeiten aufgrund psychischer Beschwerden um 80 Prozent erhöht. Dies wurde in einer Analyse der 9,7 Millionen AOK-versicherten Arbeitnehmer durch das Wissenschaftliche Institut der AOK für das Jahr 2008 ermittelt. Auch die Dauer der Krankschreibung unterscheidet sich deutlich: Durchschnittlich fehlt ein Arbeitnehmer bei einer psychischen Erkrankung 22,5 Tage im Jahr. Bei Atemwegsinfekten sind es lediglich 6,4 Tage.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat errechnet, dass psychische Störungen der Beschäftigten 2007 zu Produktionsausfällen im Volumen von 4,4 Milliarden Euro führten, ein immenser Schaden für die deutsche Volkswirtschaft.
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