Interview mit Hans-Herbert Holzamer
Wird der Journalismus kaputt getwittert?
Berlin. Ein Interview mit dem Journalisten Hans-Herbert Holzamer, der 30 Jahre bei der WELT und bei der Süddeutschen Zeitung fest angestellt war und seit 2006 als freier Journalist arbeitet.
business-on.de: Sie fürchten, das Internet könne den Journalismus bedrohen?
Hans-Herbert Holzamer: Sie beziehen sich auf meine Ausführungen bei der 29. Sylter Runde?
business-on.de: Ja, das Thema war: Wird der Journalismus kaputt getwittert?
Hans-Herbert Holzamer: Ok, ich hatte dem Kölner Betriebswirtschaftler Professor Norbert Szyperski dieses Thema für eine seiner Sylter Runden vorgeschlagen und er konnte sich dafür begeistern. Das Internet ist zunächst einmal ein Werkzeug, wie ein Hammer, mit dem ich den Nagel, aber auch ein Fenster einschlagen kann. Alleine tut er nichts. Dem ähnlich bietet das Internet viele Chancen, wie die ungefilterte Berichterstattung über den Iran oder die schnelle Information über die Wasserung des Airbus` auf dem Hudson River.
business-on.de: Das ist beides positiv zu bewerten?
Hans-Herbert Holzamer: Das schon, aber was passiert, wenn Verlage nicht mehr Journalisten einsetzen, sondern jeden, der ein Handy bedienen kann? Oder wenn Sitzungsprotokolle nach Indien geschickt werden, die dann dort deutlich preiswerter zu Texten verarbeitet werden?
business-on.de: Sagen Sie es uns, Sie sind seit vielen Jahren im Geschäft.
Hans-Herbert Holzamer: Das ist eine Katastrophe, der indische Texter kann vielleicht Englisch, aber kennt die Bezüge und Hintergründe nicht. Der Verfasser von SMS und Foto mag früh am Schauplatz sein, aber wer hat ihn geschickt und warum? Wir haben eine Flut von Informationen, aber es gilt: Das erste, was bei einer Flut knapp wird, ist das Trinkwasser. Und Trinkwasser in diesem Sinne ist ein Journalismus, der sich den Schutz des Artikels 5, das Recht auf Meinungsfreiheit, verdient. Und dazu braucht es ausgebildete Journalisten.
business-on.de: Und wenn sich die keiner leisten kann?
Hans-Herbert Holzamer: Journalismus ohne Journalisten geht nicht, das ist wie Sex ohne Sexualorgane. Da stellt sich die Frage nach dem Sich-leisten-können nicht.
business-on.de: Doch. Denn die Zeitungen bauen immer weiter ihren Besatz an Redakteuren ab.
Hans-Herbert Holzamer: Weil in den Verlagen Abgesandte von Unternehmensberatern das Sagen haben und keine Verleger. Verlag und Redaktion sitzen auf derselben Seite, müssten dort sitzen und gemeinsam einen Weg aus der Krise suchen, sonst verkommen die Zeitungen zu Anzeigenblättern.
business-on.de: Gibt es eine Krise?
Hans-Herbert Holzamer: Ja, natürlich. Die Finanzierung der Zeitung ist krisenhaft schwierig. Der Vertriebserlös reicht vorne und hinten nicht.
business-on.de: Und das Anzeigenaufkommen?
Hans-Herbert Holzamer: Das geht zurück, im Internet dagegen nimmt es zu. Das Internet ist also auch eine wirtschaftliche Bedrohung.
business-on.de: Was hat das mit der Qualität des Journalismus zu tun?
Hans-Herbert Holzamer: Eine Menge. Zunächst einmal muss die einzelne produzierte Seite heute weniger kosten, das heißt der Rechercheaufwand wird zurückgefahren, die redaktionelle Sorgfalt vernachlässigt. Wo gibt es heute noch Schlussredaktionen? Dann biedert man sich den Anzeigenkunden an, verspricht gefällige Artikel, ein passendes redaktionelles Umfeld.
business-on.de: Es gibt doch Codices des Anstandes.
Hans-Herbert Holzamer: Einerseits ja, andererseits gibt es Vereinbarungen mit Anzeigenkunden zu Lasten der Redaktion.
business-on.de: Haben Sie ein Beispiel?
Hans-Herbert Holzamer: Viele, wenn Sie wollen. Sie vereinbaren mit Ihren wichtigsten Immobilienkunden die Durchführung einer Messe. Sie verpflichten sich zu großzügiger redaktioneller Begleitung. Da macht das Schalten von Anzeigen wieder Spaß.
business-on.de: Wer sind die Opfer?
Hans-Herbert Holzamer: Zunächst die Journalisten. Die Zahl der Freien nimmt ständig zu. Sie müssen sich mit schlechter Bezahlung durchs Leben schlagen. Und dann die Leser, die in ihren Zeitungen nur noch Texte mit werbenden Untertönen finden. Im Grunde auch die Zeitungen, die ihre Glaubwürdigkeit verlieren, damit sogar auch die Anzeigenkunden, die in Blättern platzieren, die keine Aufmerksamkeit finden.
business-on.de: Ist es so schlimm?
Hans-Herbert Holzamer: Ja. Wie würden Sie es nennen, wenn Zeitungen die Titel ihrer Buch- oder Filmreihen, die sie nach billigem Erwerb der Rechte und nicht nach Qualität ausgewählt haben, auf den vorderen Feuilletonseiten hochjubeln? Und das hat direkt nichts mit dem Format zu tun, nicht ob ich Journalismus in Print oder Internet mache. Vielleicht sind Internet-Formate billiger und schneller zum Nutzer zu bringen, aber Qualität meint Inhalt, nicht Format.
business-on.de: Sie sprachen die schlechte Lage der freien Journalisten an.
Hans-Herbert Holzamer: Die Journalisten verkaufen ihre Texte, damit diese gedruckt werden, früher auch mehrmals. Heute müssen sie sich verpflichten, die Rechte den Verlagen zu übertragen, auch diese für eine Verwertung im Internet, ohne entsprechend entlohnt zu werden. Eigentlich sitzen Verlage und Journalisten im selben Boot, aber die Verlage drücken die Journalisten über die Reling ins Wasser. Es gibt mehr unfähige Konkurrenz, und es gibt schlechtere Entlohnung.
business-on.de: Wurde auf der Sylter Runde über Lösungen diskutiert?
Hans-Herbert Holzamer: Lösung mag das falsche Wort sein. Wir denken darüber nach, die Recherchemöglichkeiten und die Verwertungsmöglichkeiten ihrer Arbeit zu verbessern.
business-on.de: Gegen die Verlage?
Hans-Herbert Holzamer: Die Journalisten müssen sich auf ihre Kraft und ihre Bedeutung für den Journalismus besinnen. Wenn Sie die Augenhöhe mit den Verlagen wieder hergestellt haben, profitieren beide davon. Wir wollen dabei helfen.
(Redaktion)
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