Coskun Tuna
Wikileaks nur ein Funke in der neuen Informationswelt
Berlin. Die digitale Welt besteht aus unzähligen Schauplätzen. Täglich entstehen Neue. Wo die Entwicklung hingeht wissen wir nicht - können es nur erahnen. Schon jetzt ist aber klar, dass es da keinen Platz mehr für die bisherige Informationsverbreitung gibt.
„We open governments“ – der Fall Wikileaks
“I can use Visa and Mastercard to pay for porn and support anti-abortion fanatics, Prop 8 homophobic bigots, and the Ku Klux Klan. But I can’t use them or PayPal to support Wikileaks, transparency, the First Amendment, and true government reform” kommentierte der US-amerikanische Journalist und Professor Jeff Jarvis am 7. Dezember die aktuellen Geschehnisse um die Enthüllungsplattform Wikileaks.
2006 gründete Julian Assange wikileaks.org. „Wiki“ steht hierbei für die Online-Enzyklopädie Wikipedia, „leak“ für die englische Bezeichnung einer undichten Stelle. Wikileaks veröffentlicht Originaldokumente, die von Unternehmen oder staatlichen Institutionen als geheim eingestuft werden. Die Internetplattform sorgte zuletzt im November 2010 für weltweites Aufsehen, als rund eine Viertelmillion vertrauliche Botschaftsdepeschen der US-Regierung der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden.
Die Konsequenzen: Während Wikileaks-Anhänger Assange als Freiheitskämpfer feierten, erstarrte die Diplomatenwelt und Unternehmen verabschiedeten sich von ihrer Zusammenarbeit mit der Enthüllungsplattform. Amazon warf Wikileaks von seinen Servern. Bezahldienstleister wie PayPal oder Visa stellten den Zahlungsverkehr ein und verhinderten damit die Zustellung wichtiger Spendengelder. Der DNS-Provider EveryDNS.net schaltete die Domain wikileaks.org ab und stoppte damit die Verfügbarkeit der Website.
Ein Projekt, das umstrittener nicht sein könnte – die berühmte Medaille und ihre zwei Seiten: Die Befürworter sehen in Wikileaks ein neues Sprachrohr des investigativen Journalismus, einen Treiber für mehr Transparenz in politischen Prozessen. Kritiker mahnen hingegen die fehlende redaktionelle Kontrolle. Außerdem werde durch die Veröffentlichungen das Leben unschuldiger Menschen riskiert. Eine Debatte, in der das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist…
Vom starren Medienkonsum zum Mitmach-Web
Doch der Fall Wikileaks ist nur ein einzelner Funke in den Flammen der heutigen Informationsgesellschaft. Das klassische Sender-Empfänger-Modell des Medienkonsums gehört der Vergangenheit an. Gehört die Zukunft – oder vielmehr bereits die Gegenwart - dem Mitmach-Web, dem sogenannten Web 2.0? Skeptiker würden sagen, Interaktion im Netz sei doch nichts Neues. Immerhin gäbe es den Austausch in Foren oder Online-Chats schon lange.
Da haben sie Recht. Dennoch hat sich die Medienkommunikation in den letzten Jahren enorm gewandelt. Die zunehmende Popularität des Internets hat der Medienlandschaft ein neues Gesicht verliehen: In Zeiten von Webblogs, sozialen Online-Netzwerken wie Twitter und Facebook oder der freien Enzyklopädie Wikipedia bekommen Ausdrücke wie „interaktive Medien“ oder „nutzergenerierte Inhalte“ eine vollkommen neue Bedeutung. Der Adressat wird zum Absender, der Absender zum Adressat.
Nachrichten werden mittlerweile in Echtzeit im Internet veröffentlicht – schon längst nicht mehr nur von Journalisten. Heutzutage kann sich jeder aktiv in die Informationswelt einbringen. Nachrichtenagenturen sehen teilweise hilflos zu, wie „der normale Bürger“ Texte, Bilder und Videos in den digitalen Medien veröffentlicht. Der Microblogging-Dienst Twitter ermöglicht seinen Nutzern beispielsweise, 140-Zeichen-lange Nachrichten aus aller Welt in Echtzeit zu empfangen und ebenso in Sekundenschnelle eigene Botschaften zu veröffentlichen, die von Internetnutzern weltweit gelesen, verbreitet und kommentiert werden können. Und was einmal online veröffentlicht wurde, hinterlässt oft noch nach Jahren seine Spuren. Vom privaten Austausch mit Freunden über die Abwicklung von Geschäften bis hin zur politischen Partizipation ist im Netz heute alles mit wenigen Klicks möglich – und zwar über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg. Menschen unterstützen sich in Online-Bündnissen, ohne sich je persönlich kennengelernt zu haben – ob in einer Twitter-Spendenkampagne für Tahiti oder im Kampf gegen Unterdrückung, wie kürzlich in Arabien. Jeden Tag entstehen neue Initiativen und Plattformen, die den Menschen die Möglichkeit bieten, ihren Interessen und Meinungen Ausdruck zu verleihen und sich über Grenzen hinweg zu Interessensgemeinschaften zu verbünden.
Die Flucht nach vorn
Mit diesem Wachstum an Chancen vermehren sich gleichzeitig auch Unsicherheiten und Risiken. Datenschützer bemängeln den Missbrauch von Nutzerdaten. Unternehmen befürchten die Verletzungen ihres Urheberrechts, politische und mediale Institutionen den Verlust ihrer Kontrolle. Hier hilft nur eins: die Flucht nach vorn. Der beste Weg, mit den Wandlungsprozessen umzugehen ist, sich ihnen zu öffnen: informieren und ausprobieren. Wegsehen bringt ebenso wenig wie Zensieren. Denn der Globus der Netzgesellschaft dreht sich unaufhörlich weiter und jeden Augenblick sprießen wieder neue Ideen und Techniken aus dem Nährboden des Internets, die Lösungen für bis dato ungelöste Probleme bieten, Weiterentwicklung vorantreiben und Repression den Kampf ansagen.
Ob Privatperson, Unternehmen oder politische Einrichtung – es liegt an jedem selbst, auf den Zug aufzuspringen und die neuen Möglichkeiten zu entdecken oder Gefahr zu laufen, eines Tages überrollt zu werden.
(Coskun Tuna)
(Redaktion)
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